Immer wieder seit ein paar Tagen scheint durch die winzigen Sichtspalten meiner Jalousien im Wohnheim in der Früh die Sonne. Wie soll man da denn schlafen, mit all dem Licht? Zugegebenermaßen gehe ich auch viel zu spät ins Bett, sodass ich auch die auslaufenden Vormittagsstunden noch gerne mit geschlossenen Augen und sanftem Atem im Land der Träume verbringe. Aber was will denn die Sonne da? Ich brauch doch den Schlaf! Gegen eines kann ich mich nicht wehren, es wird langsam Sommerzeit.

Nein, nicht Sommer: Sommerzeit! Wir stellen doch die Uhren um. Anstatt einfach alles eine Stunde später zu beginnen, die Schule, die Arbeit und den Feierabend, ändern wir einfach unsere Zeit. Aus 2 wird 3. Zeit ist anscheinend etwas, das sich nach uns richtet. Und dann, wenn wir uns die Zeit geschaffen haben, und die Uhren peinlichst genau gehen, dann richten wir uns wieder nach der Zeit, und stressen uns, denn genug Zeit hat man ja nie.

Einige Freunde in unserem Partnerort Tandala in Tansania haben mir erzählt, dass für sie dort die Zeit oft anders funktioniert. Man nimmt sich für einen Tag zum Beispiel vor, im Dorf Einkäufe zu erledigen. Dann geht man los, und wenn nichts passiert, dann hat man in zwei, vielleicht drei Stunden seine Runde gemacht, und geht nach Hause. Aber eigentlich geht man davon aus, dass es anders kommt, dass man jemanden trifft zum Beispiel, sich verabredet, einige Stunden gemeinsam verbringt, und dann eben erst später nach Hause kommt. Dann hat man den Tag gut genutzt.

Natürlich ist dort nicht jeder Tag so, und auch nicht für jede Person. Aber was häufig gleich ist, ist das Zeitverständnis. Man agiert nicht strikt nach Terminplan, Stunde um Stunde, sondern eben mehr nach Bauchgefühl. Das schürt auch das Gerücht, dass Tansanis unpünktlich sind. Das ist aus unserer deutschen Sicht schwierig. Unpünktlichkeit. Es gibt doch einen Plan! Wenn das um 4 beginnt, dann haben alle um Punkt 4 aufzuschlagen, wenn sie nicht schon da sind und warten. Ein paar Minuten später werden noch verziehen. Aber eine Stunde zu spät, oder zwei? Das geht nicht.

Manche Tansanis sehen das aber anders. Da scheint man sich diesem Konzept, das wir uns so einfach überstülpen, nicht so schnell zu unterwerfen. Klar, das führt dazu, dass das Zusammenleben an vielen Punkten anders funktioniert. Die Pünktlichkeit hebt man sich auf, für die Momente, in denen sie wirklich wichtig ist. Und sonst macht man sich diesen Stress erst gar nicht. Tansanische Uhren gehen wohl anders. Manchmal sind zwei Stunden vier, und manchmal ist eine kurze Erledigung ein ganzer Tag. Ich habe mal gesagt, dass tansanische Uhren auf jeder zweiten Minute blind sind. Vielleicht wäre es aber besser zu sagen: Tansanische Uhren ticken nicht in Sekunden, sondern fließen in Momenten und Erlebnissen.

 

Innere Uhr, und die eigene Zeit umstellen

Also, wenn wir als Gesellschaft alle gemeinsam die Zeit umstellen können, nur, weil man sich da mal drauf geeinigt hat, wieso sollte ich dann meine eigene Zeit nicht auch umstellen können? Nicht jeden Tag, vielleicht auch nicht jede Woche, aber immer wieder mal, zwischendurch, einfach ohne Uhr und ohne Zeit leben. Die innere Uhr sagt einem schon, ob es Zeit ist zu essen, oder sich auszuruhen. Und sonst gibt es ja noch die Sonne, die jetzt ja schon am Morgen wieder öfter und heller scheint.

Die Voraussetzung für ein gutes Erleben ohne Zeit ist, dass man erstens an diesem Tag keinen festen Termin hat, zweitens man nicht vor dem Bildschirm sitzt, und drittens keine Uhr bei sich trägt oder in der Nähe hat. Was genau man tut, bleibt einem selbst überlassen. Vieles geht allein. Ohne Uhr und ohne Stress mit dem Fahrrad über die Felder sausen, gemütlich durch den Wald spazieren, oder einfach mal ein gutes Buch lesen, auf dem Sofa und ohne Handy in Blickweite. Manches geht auch mit anderen. Mit einem Freund kochen, mit einer Freundin gemeinsam eine Spazierfahrt machen, oder jemanden spontan besuchen. Und dann einfach Zeit verbringen, und zwar nicht die Zeit, die im Sekundentakt über die Armbanduhr läuft, sondern die Zeit, die man nicht zählt, die einfach von selbst vor sich hinfließt.

 

Solche Tage sind wichtig. Tage, an denen man die Zeit lahmlegt. Tage, an denen man nicht denkt: schon wieder 20 Uhr. Tage, an denen man in den Tag lebt. Nimm dir Zeit, zeitlos zu sein. Zumindest für einige lange Momente.

 

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