Während des Lockdowns haben wir am eigenen Leib erlebt, welche psychischen Folgen Isolation und das Wegkürzen von Nähe in unserem Leben haben können. Nahezu alle meine Termine waren abgesagt, bis auf einige Kurse an der Uni hatte ich keine Verpflichtungen, und in der Arbeit hatte ich mich für ein paar Monate herausgenommen. Mit fortschreitenden Tagen wurde in mir der Drang größer, die Stimmen meiner Freunde über Discord zu hören, oder die Gesichter meiner Kommiliton_innen in den Zoom-Kursen der Uni zu sehen. In den Zeiten, in denen ich keinen Kontakt nach Außen hatte, hat es sich so angefühlt als wäre das Leben stehengeblieben. Die Zeit verging unheimlich langsam. Und ich tat den ganzen Tag nichts, außer auf die nächste Runde Minecraft Bedwars oder scribbl.io zu warten.

Seit einigen Wochen arbeite ich wieder. An Wochenenden fahre ich wie gewohnt bei Essen auf Rädern ein Mittagsmenü zu älteren Menschen, die selbst nicht mehr kochen können. Für viele meiner Essenskund_innen hat sich durch Corona nicht viel verändert. Nach meinen Erfahrungen der ersten Jahreshälfte verstehe ich auch warum. Im Alter, besonders wenn man weniger mobil ist oder durch Krankheit eingeschränkt, vergeht die Zeit ebenfalls langsamer. Viele der gewohnten Aktivitäten aus früheren Jahren, all die Arbeiten am Haus oder das Berufsleben fehlen. Viele Freunde von damals sind ebenfalls nicht mobil oder bereits verstorben. Alltägliches erscheint oft wie eine Herausforderung. Einfach gesagt: Vieles geht nicht mehr so wie man es einmal gewohnt war.

In den letzten fünf Jahren bei Essen auf Rädern habe ich immer wieder kurze Gespräche geführt, in denen mir Senior_innen erzählten, dass sie außer mir an diesem Tag niemanden sehen würden. Am Vortag war vielleicht die Haushaltshilfe oder der Pflegedienst der einzige Kontakt. Daran hat Corona nichts geändert. Aber es hat mir eine neue Perspektive gegeben ihre Situation besser zu verstehen.

Stagnation kann uns im Leben an vielen Punkten begegnen. Eines Tages werde auch ich alt sein, und nicht mehr mobil. Und nachdem das Essen auf Rädern der Zukunft bestimmt ein perfekt auf meine Unverträglichkeiten abgestimmtes Menü haben wird, werde auch ich einer jüngeren Person die Türe öffnen, um mein Mittagessen und ein Lächeln entgegenzunehmen, und bestimmt gelegentlich in ein paar Sätzen über meine Erfahrungen im Alter zu sprechen.

Ich bin gespannt, wie das dann wird, besonders, weil ich es mir jetzt besser vorstellen kann. In meinen Gedanken sehe ich mich mit Mitte 80 vor meinem Computer sitzen, und über einen Discord-Kanal meine noch lebenden Freunde fragen, ob sie Lust auf eine Onlinerunde 6nimmt oder Wizard haben. Vielleicht erzählen wir uns dann gegenseitig von unseren Kontakten der Woche; der Frau von der Fußpflege, dem Enkel am Telefon oder dem Essensfahrer an der Tür. Oder wir reden über die alten Zeiten, als wir noch gemeinsam in der Welt unterwegs waren. Oder über die Wochen in denen wir damals, als wir noch jung waren, Isolation und Stagnation zum ersten Mal so richtig gespürt haben. Und dann ganz sicher auch darüber, wie wir gelernt haben, trotzdem nicht einsam sein zu müssen.

Tim Novak

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