Zwei Tage und die Veränderung

Tag 1: Regen

Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich in einem kleinen, holzgetäfelten Raum mit Kachelofen. Draußen vor dem Fenster fallen schnelle Tropfen in langen Strähnen. Die tiefhängenden Wolken, die durch den Regen förmlich in den Boden überzugehen scheinen, lassen lediglich einen vernebelten Blick auf die Füße der Berge zu, die das Tal umgeben, in dem ich die Woche verbringe.

Ich verschwende heute keinen Gedanken daran, mit Rucksack und Wanderschuhen den schlitterigen Aufstieg auf einen der nahen Gipfel zu wagen. Dafür ist es mir drinnen zu gemütlich. Mit einem Buch und einer Tasse Tee lässt es sich auch gut leben, und die Füße freut’s auf dem Sofa hochgelegt zu werden.

Wenn in den letzten Monaten des Jahres so langsam die Tage kürzer werden und Regen und Kälte Einzug halten, um den Winter vorzubereiten, dann spüre ich den Drang in mir aufsteigen, in Gedanken oder geschriebenen Worten die vergangenen Monate Revue passieren zu lassen.

2020 war einiges anders, als erwartet. Ich sitze heute in einer Berghütte, und kann getrost sagen, dass ich an manchem Frühlingstag zu Hause isolierter war als hier. Vor einem Jahr konnte ich mir nicht vorstellen, je eine Maske in der Öffentlichkeit zu tragen. Vor einem halben Jahr war ich mir nichtmal sicher, ob und wie lange ich es mit Asthma und Mundschutz überhaupt aushalte.

Und jetzt vergesse ich ständig, dass ich das Ding noch aufhabe, weil ich mich schon so sehr daran gewöhnt habe. Es hat sich so einiges verändert, aber ich bin zuversichtlich, dass wir auch die Herausforderungen der kommenden Jahre bewältigen werden.

Mir fällt mein Taufspruch ein: “Von allen Seiten umgibst du mich, und hälst deine Hand über mir.” Das steht in Psalm 139. Dort beschreibt David, dass Gott immer bei ihm ist, egal was er tut. Ob er geht oder liegt, selbst wenn er versuchen würde vor Gott zu fliehen, wäre Gott da. Er ist nie wirklich allein.

 

Tag 2: Sonne

Heute Morgen ist der Blick aus dem Fenster gleich freudiger. Kein Regen, und es ist auch nicht so kalt. Dann werde ich gleich den Hang hinaufflitzen und mich oben am Bergsee in die Sonne setzen!

Beim steilen Aufstieg marschiere ich gewohnt schnellen Schrittes los. So leicht muss es sein! Meine Beine machen das Tempo mit und sogar meine Lunge beschwert sich nicht. Nach einem guten Stück bitte ich, vielleicht auch etwas ironisch, Gott um die Kraft, dass ich einfach so weiter durchheitzen kann, bis zum Höhenweg.

Aber natürlich kommt es anders. Irgendetwas stimmt nicht. Mein Kopf wird plötzlich ganz heiß, mein Körper beginnt zu kribbeln, und ich spüre meinen Puls schnell und mächtig im Hals. Am Asthma liegt es nicht, die Atemwege sind frei. Dann verschwimmt mir die Sicht vor den Augen, und alle Gedanken an den Aufstieg sind wie weggeblasen. Den schaffe ich heute nicht mehr, da bin ich mir ganz sicher! Nur schnell hinsetzen und ja nicht beim Steigen das Bewusstsein verlieren.

Es ist der Kreislauf. Ich habe wie immer vergessen zu frühstücken und bin im Unterzucker. Die Kraft, um die ich im Scherz gebeten hatte, kommt jetzt in Form eines rettenden Apfels aus dem Rucksack meines Vaters. Ich hatte natürlich auch kein Proviant eingepackt. Ich esse und so langsam wird mir wieder wohler. Noch ein paar Schlucke Wasser. Vielleicht klappt es ja doch noch.

Ich treffe eine Entscheidung: lieber falle ich bei erneutem Schwindel bergauf als bergab. Also geht es weiter hoch!

Zwei Stunden später sitze ich am See. So schleppend und mühsam hatte ich mir den Aufstieg zwar wahrlich nicht vorgestellt, aber mit hinaufflitzen war heute nichts. Trotzdem ging es irgendwie.

Schon komisch, so plötzlich aus dem Trott gerissen zu werden, gezwungen anzuhalten und alles neu zu denken. Erstmal dachte ich wirklich es ist aus. Ende Gelände. Aber Gott war da. Und was ich gebraucht hatte waren eine Pause und ein Frühstück, nicht einfach nur Kraft aus dem Nichts. Das wusste er besser als ich.

In Psalm 139 weiß David zwar, dass Gott auf allen seinen Wegen mit dabei ist, aber er merkt auch, dass er Gottes Wege und Gedanken nicht begreifen kann. Das anzunehmen fällt ihm nicht leicht, aber am Ende vertraut er doch auf Gott. Ich bin mir sicher: ich muss nicht verstehen, was morgen auf mich zukommt. Aber ich kann gewiss sein, dass Gott mich darin begleiten wird.

Mittlerweile sitze ich wieder auf der Couch, mit einer Tasse Tee und brennenden Oberschenkeln vom langen Abstieg. So anstrengend es heute war, am Ende war es auch schön. Ich bin gespannt, was mich morgen erwartet.

Ähnliche Beiträge

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.