TschäkBLOG – Tag 11 – Meinungsduell: Nähe und Distanz – Wie könnte Corona unsere Gesellschaft verändern?

Nähe und Distanz – Wie könnte Corona unsere Gesellschaft verändern?

 

Sind wir mal ehrlich: Jeder von uns denkt hin und wieder an die Zeit nach Corona. Wenn unser Leben wieder uneingeschränkt und „normal“ ist, ist die Pandemie überwunden. Wir stellen uns vor, wie es dann sein wird. Wir schmieden Pläne über all die Dinge, die wir danach wieder erleben wollen.

Aber niemand weiß, wie es wirklich sein wird. Niemand kann sagen, wie lange wir uns noch einschränken müssen. Wann dieses „Normal“ wieder sein wird. Wir haben uns gefragt, welche Auswirkungen Covid 19 auf unsere Gesellschaft haben könnte.

Cornelia und Lukas treten zu dieser Frage zu einem Meinungsduell an!

 

Weil wir merken, wie schön es ist – Cornelia Säckl

Ich denke die Menschen sind in dieser Zeit sehr gefordert, denn jeder steckt zurück. Zum Wohle der Allgemeinheit, Solidarität ist gefordert. Wir sind räumlich so distanziert von unseren Liebsten, wie wahrscheinlich noch nie. Aber andererseits stehen wir uns auch so nahe wie nie. Wir alle sind gleichermaßen von einer Krankheit bedroht. Wir alle müssen zusammen arbeiten, denn nur so können wir die Krankheit so gut es geht eindämmen.

Das schweißt zusammen. Wir sorgen uns umeinander, erkundigen uns wie es den Menschen, die sonst um uns herum sind, geht.

Sogar ein „bleib gesund“ schleicht sich so langsam in die ganz normale Verabschiedung ein. Und das finde ich schön. Wir sollten uns öfter erkundigen, wie es unseren Mitmenschen geht. Ich finde es schön, dass die Leute mehr aufeinander achten. Und sind wir doch ehrlich: Man freut sich doch, wenn „bleib gesund“ unter einer Email steht, oder?

Außerdem lernen wir auch zu schätzen. Das ist ja das simple Prinzip vom Fasten. Wir verzichten auf etwas und lernen dadurch mehr zu schätzen. Genauso merken wir jetzt, wie wichtig uns das persönliche Gespräch ist. Wie viel Wärme und Geborgenheit eine Umarmung bedeutet. Wir realisieren, welche Menschen uns in unserem Leben wirklich wichtig sind, für welche wir uns mehr Zeit nehmen wollen. Und ich denke, das nehmen wir mit in die Zeit nach der Pandemie. Diese Distanz, die wir jetzt wahren, wird uns vielleicht zu mehr Nähe bringen. Vielleicht gehen wir danach weiterhin achtsamer miteinander um, erkundigen uns beieinander, melden uns bei den Leuten, die uns wichtig sind. Und vielleicht, ja vielleicht umarmen wir auch mehr – einfach weil wir merken, wie schön es ist.

Cornelia Säckl setzt sich für achtsame Nähe ein. Zurzeit arbeitet sie in ihrem freiwilligen Sozialen Jahr im Jugendwerk

 

 

Nähe wird zur wertlosen Massenware –
Lukas Wöhrle

Vielleicht hast du es schon einmal ausprobiert mit dem Fasten. Ich habe ganz oft auf Süßigkeiten verzichten wollen – und meistens hat es auch geklappt. Doch mit Ende der Fastenzeit beginnt bei den meisten Menschen dann das große Schlemmen. Man hat so lange enthaltsam gelebt, da wird es ja vertretbar sein, jetzt mal über die Stränge zu schlagen.

Diese Entwicklung beobachte ich auch jetzt während der Lockerung der Ausgangssperre. Für viele Wochen mussten wir den persönlichen Kontakt fasten und Distanz wahren. Nun – als die ersten leichten Lockerungen sichtbar werden – kommt es zu einer Massen-Distanzlosigkeit. Die Biergärten sind bis auf den letzten Platz belegt, die Kulperhütte und Sandbänke an der Wertach platzen aus allen Nähten.

Von 1,5m Mindestabstand und Distanz ist nichts mehr zu spüren. Alle Freunde müssen jetzt unbedingt besucht werden, die Geburtstage mit vielen Gästen nachgefeiert und auf einmal gibt es das gigantische Bedürfnis, endlich wieder in den Urlaub zu fahren.

Diese ganze Übersättigung, die jetzt erreicht wird, macht mir Sorge. Ich befürchte, dass wir unsere überdacht ausgewählten Sozialkontakte, mit denen wir achtsamen Kontakt während dem Lockdown hatten, in einer großen Masse von Menschen untergehen. Mir ist während Corona eins aufgefallen: Ich wähle meine Freund*innen besser aus. Ich entscheide mich für einen kleinen Kreis von Personen, weil diese mir gut tun, weil ich mit ihnen auf einer Wellenlänge bin und sie mir etwas bedeuten.

Und jetzt? Jetzt wird die Anzahl der Menschen größer und die Verbindung mit den Einzelnen immer schwächer. Aus „Wie war dein Tag? Ich habe heute an dich gedacht und da ist mir eingefallen, dass…“ wird „Hast du Lust, mit Peter, Hans, Luisa, Melanie und Rebecca wegzugehen? Nein? Okay.“ Und je mehr wir wieder großflächigen Kontakt zu vielen Personen haben, die wir Freunde nennen, bricht der Kontakt zu unseren Großeltern ab. Die Personen, denen wir im Lockdown noch Einkaufshilfe gegeben haben und die wir (ganz regelmäßig mal per Skype – “klaro Oma, jetzt kannst du das ja auch”) anrufen wollten, werden wieder Nebendarsteller*innen, die wir oft vergessen.

Als wir Distanz halten mussten, war Nähe ein kostbares Gut, dass man weise und achtsam mit einer Person teilen musste. Jetzt wird es wieder zur billigen Massenware, die ihren Wert langsam verliert.

Lukas Wöhrle sieht die Entwicklungen nach dem Lockdown kritisch. Er ist Mitglied der Dekanatsjugendkammer und studiert Soziale Arbeit in Augsburg.

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