UMARMUNGEN & ALTERNATIVEN
Was sie mit uns machen & was in der Jugendarbeit wichtig ist

Letzte Woche habe ich einen guten Freund zum ersten Mal seit ca. zwei Monaten gesehen. Wir kennen uns schon viele Jahre und ich habe mich richtig gefreut, ihn nach der langen Isolation zu treffen. Normalerweise hätten wir uns mit einer herzlichen Umarmung begrüßt. Doch dem “social distancing – Crashkurs” der letzten Zeit sei Dank, blieben wir erstmal, wie von einer unsichtbaren Mauer gestoppt, voreinander stehen. Er beantwortete meinen fragenden Blick mit einem lapidaren „na komm schon her.“ Und es hat sich richtig gut angefühlt, einen vertrauten Menschen mal wieder in die Arme zu schließen. Durch meinen Kopf schoss dabei der Gedanke: „Krass, was für einen Einfluss die jetzige Zeit auf unseren zwischenmenschlichen Umgang untereinander hat. Aber auch mega interessant, weil wir alle herausgefordert sind, das Thema körperliche Nähe viel offener zu thematisieren.“

Für uns Menschen sind körperliche Nähe und Umarmungen überlebenswichtig. Die renommierte Familientherapeutin Virginia Satir drückte es einmal so aus: „Wir brauchen vier Umarmungen pro Tag um zu Überleben, acht Umarmungen pro Tag zur Erhaltung und zwölf Umarmungen pro Tag zum Wachsen.“ Für mich klingen ihre Zahlen auf der einen Seite nach einer stressigen Umarmungsquote, auf der anderen Seite verdeutlichen die Zahlen die Wichtigkeit von Umarmungen. Sie geben uns ein Gefühl der Geborgenheit, sie können Zuneigung vertiefen, Streitigkeiten beenden, (Selbst-)vertrauen stärken und tragen, mit den richtigen Leuten ausgetauscht, zu unserem persönlichen Wohlbefinden bei.

Forscher bestätigen das auch. Vielleicht hast Du schon einmal von dem Hormon „Oxytocin“ gehört?! Es wird im Körper bei Berührungen freigesetzt und löst im Gehirn ein Sicherheitsgefühlt aus. Wir fühlen uns glücklicher und Ängste verringern sich. Die Voraussetzung dafür ist jedoch, dass es sich um angenehme Berührungen handelt. Und genau darin liegt die Schwierigkeit für uns Jugendleiter!!

Geht in der Jugendarbeit eine Begrüßung auch ohne Umarmen?
Ist es unhöflich, wenn ich es mal nicht mache? In der Evangelischen Jugend pflegen wir oft eine ausgeprägte Umarmungs- oder Kuschelkultur. Das ist ein schöner Ausdruck des Gemeinschaftsgefühls, das wir bei unseren Aktionen erleben. Dabei darfst Du jedoch nicht aus dem Blick verlieren, dass jede_r von uns ein eigenes Empfinden über körperliche Nähe und Distanz hat.

Als Jugendleiter musst Du in ganz kurzer Zeit erfassen, ob es angebracht und gewollt ist, dein Gegenüber zu umarmen oder ob ein Handschlag nicht besser wäre. Mir erzählen immer wieder Leute, dass sie sich z.B: von der Dynamik einer Umarmungsaktion als Verabschiedungsritual am Ende einer Freizeit überfordert fühlen. Deswegen liegt es an Dir in der Verantwortung von leitenden Teams, Gruppenphasen und Methoden so zu gestalten, dass sie für alle in den Bereich der Komfortzone fallen.

Deswegen bist jetzt bist Du gefragt! Wie könnte eine Begrüßung (in der Jugendarbeit) ohne Umarmung für Dich am besten aussehen?

Begrüßungen mal anders:

Immer wieder haben wir festgestellt, dass in der Jugendarbeit eine gewisse Kuschelkultur wie ein ungeschriebenes Gesetz gilt. Jetzt möchten wir Dir gerne noch Tipps an die Hand geben, wie Du bei Begrüßungen Umarmungen vermeiden bzw. umgehen und selbstbewusst die jeweilige Situation steuern kannst.

Grundsätzlich sprechen wir nicht dagegen! Umarmungen sind eine positive Begrüßungsform (Ritual) bei uns in der Jugendarbeit. Trotzdem ist es wichtig, dass Du Dich dabei wohlfühlst.  Es liegt bei Dir, wie Du damit umgehen möchtest. Aber genau das ist der Knackpunkt. Ohne sich dabei selbst auszuschließen und ein wenig „spießig“ zu wirken. Gerade bei großen Gruppen kann es leicht passieren, Du kennst den ein oder anderen vielleicht gar nicht. Der erste Eindruck zählt, ist ein beliebter Satz. Trauen wir diesem ersten Eindruck zum Beispiel, wenn Dir jemand auf den ersten Blick sogar ein wenig unsympathisch erscheint und begrüßt diese Person(en)  ohne eine Umarmung.

Wir möchten Dir dafür drei einfache Varianten vorstellen:

Variante 1:
Du winkst am besten schon aus der Ferne oder beim direkten Ankommen in die Gruppe. Gerne kannst Du auch mit beiden Händen winken. Dann gibst Du ein fröhliches Hallo in die Runde und kannst sagen „Hallo zusammen, fühlt euch alle gedrückt“ .

 

Variante 2:
Sobald Du Dich Deinem Gegenüber näherst, streckst Du schon deine Hand zur Begrüßung aus. Dann weiß der andere sofort, alles klar, wir begrüßen uns mit einem Handschlag.

 

Variante 3:
Beide schlagen gemeinsam die Hände in der Luft zusammen. Der Händedruck wird mit einem deutlichen Druck nochmal verstärkt.

 

Klingt komisch? Probiert es gerne aus.

Gerade Variante 1  bietet im Moment viele Übungsmöglichkeiten. Es wird niemanden merkwürdig vorkommen, da Umarmen ja gerade nicht drin ist. Hast Du ein gutes Gefühl, so vermittelst Du es auch deinem Gegenüber und eine Umarmung ist nichts zwingendes mehr. Außerdem: Herzlichkeit kann noch durch viel mehr als eine Umarmung ausgedrückt werden, wie z.B. durch ein ehrliches Lächeln oder einen direkten Blick in die Augen.

Katharina Gruber, Kathrin Bernhard, Andreas Lucke

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